Wird Ferraris erstes Elektroauto noch begeistern?

Ferraris erster vollelektrischer Wagen, der Elettrica, markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der Marke. Nach jahrzehntelanger Verehrung des Verbrennungsmotors präsentiert Maranello einen viersitzigen, viermotorigen Gran Turismo, der alles, was einen Ferrari so faszinierend macht, bewahren soll – nur eben ohne Benzin.

Was zeichnet die Elettrica aus?

Als Ferrari im Oktober Chassis und Antriebsstrang des Elettrica vorstellte, versprach man, die markentypische Performance in einer neuen, elektrischen Form zu liefern. Einen Monat später wurden weitere Details bekannt. Ferrari bestätigte, dass das Modell mit einem 880-Volt-Bordnetz und vier Permanentmagnetmotoren – zwei pro Achse – ausgestattet sein wird, die vollständig im eigenen Haus entwickelt wurden. Zusammen leisten sie über 1,000 PS, und aktuelle technische Dokumente deuten darauf hin, dass die Spitzenleistung 1,128 PS erreichen könnte.

Das Chassis des Elettrica. Ferrari wird das eigentliche Fahrzeug erst Anfang 2026 vorstellen.

Ferrari gibt an, dass der Elettrica in rund 2.5 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigt und damit die gleiche Beschleunigung wie der Hybrid SF90 Stradale erreicht. Die Höchstgeschwindigkeit soll über 310 km/h liegen. Rein statistisch gesehen zählt er zu den schnellsten Elektroautos der Welt. Doch die Ingenieure betonen, dass das eigentliche Ziel das Fahrgefühl und nicht die reinen Zahlen waren.

Jeder Motor treibt sein Rad unabhängig an und ermöglicht so eine hochpräzise Drehmomentverteilung. Die Vorderachse kann für den Hinterradantrieb vollständig entkoppelt werden, was den Energieverbrauch senkt und die Agilität erhöht. Unter dem formschönen Chassis befindet sich ein im Fahrzeugboden integrierter 122-kWh-Akku, der den Schwerpunkt im Vergleich zu Ferraris Benzinmodellen um 80 mm absenkt. Die Energiedichte erreicht fast 195 Wh/kg und gehört damit zu den höchsten aller straßenzugelassenen Elektrofahrzeuge.

Klingt er immer noch wie ein Ferrari?

Eines der faszinierendsten Details ist der Klang. Die Ferrari-Ingenieure brachten Beschleunigungsmesser an der Hinterachse an, um die Motorschwingungen aufzufangen. Diese werden anschließend verstärkt und über einen speziellen Akustikkanal abgestimmt. Das Ergebnis ist, laut Aussagen von Personen, die Prototypen in Betrieb gehört haben, nicht das Dröhnen eines V12, sondern eine dynamische „mechanische Partitur“, die mit dem Gaspedaldruck ansteigt und abfällt.

Benedetto Vigna, Ferraris Vorstandsvorsitzender, erklärte bei der Markteinführung im Oktober, die Marke werde „weiterhin Emotionen wecken, nicht nur Mobilität“. Diese Aussage gewinnt nun an Bedeutung. Statt Stille bietet der Elettrica einen sorgfältig komponierten Soundtrack, der auf der Physik seiner Motoren basiert. Es ist der Versuch, Ferraris emotionalen Charakter in ein neues Medium zu übertragen.

Wie nachhaltig ist es?

Ferrari hat Nachhaltigkeit bisher eher zurückhaltend als Marketinginstrument eingesetzt, doch die Konstruktion des Elettrica bringt die Marke in diesem Bereich unauffällig voran. Rund 75 Prozent der Karosserie und des Chassis bestehen aus recyceltem Aluminium, wodurch die CO₂-Emissionen über den gesamten Lebenszyklus um etwa 6.7 ​​Tonnen pro Fahrzeug reduziert werden. Das neue „E-Gebäude“ in Maranello, in dem alle Komponenten des Antriebsstrangs gefertigt werden, wird teilweise mit erneuerbarer Energie betrieben.

Die Ladeleistung entspricht dem sportlichen Anspruch des Fahrzeugs. Der Elettrica arbeitet mit 880 Volt und kann bis zu 350 kW Leistung aufnehmen. Damit lässt sich in etwa 18 Minuten 80 Prozent seiner Reichweite – über 530 Kilometer nach WLTP – wieder aufladen. Ferrari hat seine Partnerschaften mit Ladeinfrastrukturanbietern noch nicht bekannt gegeben, Insider erwarten jedoch eine Zusammenarbeit mit Enel X und Ionity in Europa.

Eine Erlkönigaufnahme des Wagens, mit freundlicher Genehmigung von Autocar.

Wie sieht es mit Design und Größe aus?

Ferrari hat das endgültige Exterieur noch nicht gezeigt, doch die Abmessungen positionieren das Fahrzeug zwischen dem Roma Coupé und dem Purosangue SUV. Ein Radstand von 2,960 mm und kurze Überhänge lassen eher auf eine elegante Fastback-Silhouette als auf einen hohen Crossover schließen. Erste Skizzen deuten auf eine 2+2-Sitzanordnung mit fahrerorientiertem Cockpit hin. Das vollständige Interieur wird im Frühjahr 2026 enthüllt, vor dem Serienstart im selben Jahr.

Strategie und Kontext

Der Elettrica markiert auch eine Neuausrichtung von Ferraris umfassenderem Elektrifizierungsplan. Das Unternehmen rechnet nun damit, dass sein Angebot im Jahr 2030 aus 40 Prozent Verbrennern, 40 Prozent Hybriden und 20 Prozent vollelektrischen Fahrzeugen bestehen wird. Das ist ein Rückgang gegenüber den früheren Ambitionen von 40 Prozent Elektrofahrzeugen. Die Ferrari-Führung argumentiert, dass diese Ausgewogenheit die Vielfalt des Fahrerlebnisses bewahrt und den Kunden die Wahl ihrer bevorzugten Leistungsform ermöglicht.

Aufsichtsratsvorsitzender John Elkann bezeichnete es als „Evolution, nicht als Umstellung“. Im Ferrari-Jargon bedeutet das, dass die Elektromobilität das bestehende Angebot ergänzt, anstatt es zu ersetzen. Analysten interpretieren den Schritt als pragmatisch: eine Absicherung gegen die unvorhersehbare Nachfrage nach ultraluxuriösen Elektrofahrzeugen bei gleichzeitiger Sicherung der hohen Gewinnmargen der Marke.

Was dies für die breitere Elektromobilitätswelt bedeutet

Für die Elektroautoindustrie hat Ferraris Einstieg symbolische Bedeutung. Wenn der weltberühmte Sportwagenhersteller sich zur Elektrifizierung bekennt, ohne seinen Mythos zu verwässern, ist die Botschaft klar: Das elektrische Zeitalter ist kein technologischer Kompromiss mehr. Es kann erstrebenswert sein.

Der Elettrica wird wohl nie ein alltäglicher Anblick auf den Straßen sein. Er wird voraussichtlich deutlich über 500,000 € kosten. Doch er könnte die Designsprache und die emotionale Ausrichtung zukünftiger Elektrofahrzeuge auf dem gesamten Markt beeinflussen.

Ferrari hat das „erste vollständig elektrische Fahrerlebnis“ versprochen, das Kunden ab Ende 2026 erleben können. Bis dahin steht der Elettrica für ein klares Bekenntnis: eine stille Revolution aus Maranello, die den Puls genau dort hält, wo Ferrari ihn haben will – nämlich im Renntempo.

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